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Ralph Rückert – Tierarzt

Studium an der Ludwig-Maximilian-Universität in München
Niedergelassen in Ulm seit 1989

Mitgliedschaften:
Fachgruppe Kleintierkrankheiten der Dt. Veterinärmedizinischen Gesellschaft
Deutsche Gesellschaft für Tier-Zahnheilkunde
Akademie für tierärztliche Fortbildung
Bundesverband praktizierender Tierärzte e.V. (Fachgruppe Kleintierpraxis)

Ein Zitat aus einer Internetbewertung: “Dr. Mustermann versucht den Preis immer so tief wie möglich zu halten und hat wirklich angenehme Preise! Außerdem führt er keine unnötigen Untersuchungen durch.”

Haben Sie etwa gerade anerkennend genickt? Finden Sie das gut? Dann sind Sie leider auf dem Holzweg! Selbständig denkende Tierbesitzer (und natürlich alle Mediziner) fangen bei so einer Bewertung an zu rennen, und zwar in die entgegengesetzte Richtung, denn wenn man mal genauer darüber nachdenkt, ist das – im Gegensatz zur Absicht des Verfassers – keine positive, sondern eine ziemlich vernichtende Aussage.

Die beiden Röntgenbilder sind von zwei Tieren, bei denen auch keine “unnötigen” Untersuchungen durchgeführt wurden, was sicher “angenehme Preise” zur Folge hatte. Der Kater wurde über längere Zeiträume immer wieder mit Antibiotika (!) wegen Harnabsatzbeschwerden und blutigem Urin behandelt, das Meerschweinchen bekam die Zähne zurechtgefeilt wegen Fressunlust und drastischer Gewichtsabnahme.

Zu dem Röntgenbild des Katers muss ich wahrscheinlich nicht viel sagen. Die (mindestens) zehn Blasensteine sollten auch für medizinische Laien gut sichtbar sein. Nur so viel: Blasensteine sind für die davon betroffenen Patienten in der Regel mehr als unangenehm. Nur eine Entfernung der Steine aus der Harnblase kann das Leiden des Tieres beenden.

Etwas schwieriger mag die Beurteilung der Kopfröntgenaufnahme des Meerschweinchens sein. Wenn man aber die rechte mit der linken Kopfhälfte vergleicht, wird man schnell erkennen, dass sich der Oberkieferknochen rechts fast völlig aufgelöst hat. Die damit verbundenen Qualen müssen geradezu unvorstellbar gewesen sein. Diesem Patienten konnte nur noch durch die sofortige Euthanasie geholfen werden.

Sie werden mir zustimmen, dass diese beiden Röntgenbilder alles andere als unnötig waren, denn sie brachten uns den diagnostisch und prognostisch entscheidenden Erkenntnisgewinn. Das wissen wir jetzt, denn im Rückblick hat man ja bekanntermaßen immer eine hundertprozentige Sehschärfe. Wussten wir das schon vorher? Natürlich nicht, denn sonst wären wir ja Hellseher und hätten folgerichtig auch gleich aufs Röntgen verzichten können.

Wie will nun ein Tierbesitzer beurteilen, was für Untersuchungen “nötig” oder “unnötig” sind? Ich gehe mal davon aus, dass jemand, der so eine Bewertung schreibt, eine Untersuchung im Nachhinein als unnötig definiert, bei der nichts Entscheidendes rausgekommen ist. Ich denke, glaube und hoffe inbrünstig, dass bereits jetzt – noch auf der ersten Seite des Artikels – jeder Leserin, jedem Leser klar geworden sein sollte, wie grundfalsch dieser Gedankengang ist.

Sicher: Wir haben schon an der Uni eingebläut bekommen, dass die sogenannte weitergehende Diagnostik (Röntgen, Ultraschall, Laboruntersuchungen, CT, MRT, etc.) nur anlassbezogen und zur Bestätigung begründeter Verdachtsdiagnosen eingesetzt werden sollte. Das ist richtig und falsch zugleich. Natürlich röntge ich bei einem Kater mit blutigem Harnabsatz nicht die Vorderpfoten und bei einem Meerschweinchen mit Fressunlust nicht die Kniegelenke. Nur: In beiden Fällen NICHT zu röntgen, aus Wurstigkeit, aus Selbstüberschätzung der eigenen hellseherischen Fähigkeiten oder aus Angst um den Geldbeutel des Besitzers, das ist halt einfach blöd und in den beiden geschilderten Fällen darüber hinaus auch noch kunstfehlerhaft und tierquälerisch.

Die Forderung, weitergehende Untersuchungen mit möglichst hoher Präzision nur anlassbezogen einzusetzen, wurde fälschlicherweise in dieser Form aus der Humanmedizin übernommen. Human- und Tiermedizin sind aber nun mal zwei Paar Stiefel, und zwar vor allem bezüglich der fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Tier. Um das rauszufinden, was ein Humanmediziner auf die simple Frage “Wo zwickt’s denn?” in epischer Breite erzählt bekommt, verbraten wir Tierärzte oft Hunderte von Euro an Gebühren für diagnostische Maßnahmen.

Bei einem Patienten, der nicht mit uns reden kann, sind wir in allen nicht ganz offensichtlichen Fällen gezwungen, eine möglichst breite Datenbasis zur Eingrenzung und Beurteilung der Erkrankung herzustellen. Unsere im Gegensatz zur Humanmedizin oft als sogenannte Suchprofile angelegten Laboruntersuchungen, unsere vergleichsweise vielen Röntgenaufnahmen und unsere häufige Sonografiererei dient oft nur dem einen Zweck, erst mal herauszufinden, wo es denn eigentlich zwickt. Das mag für die Tierbesitzer häufig ganz schön frustrierend sein, aber es lässt sich nun mal nicht ändern.

Eine Untersuchung, bei der nichts Entscheidendes rausgekommen ist – medizinisch gern als o.b.B. (ohne besonderen Befund) bezeichnet – war keineswegs unnötig, denn auch “o.b.B.” ist ein Erkenntnisgewinn. Jeder gute Mediziner hat nach Erhebung der (in der Tiermedizin zwangsläufig immer dünnen und lückenhaften) Vorgeschichte und nach der körperlichen Untersuchung eine Liste von möglichen Diagnosen (Differentialdiagnosen) im Kopf, idealerweise nach Wahrscheinlichkeit geordnet. Eine weitergehende Untersuchung, die keinen besonderen Befund ergibt, führt trotzdem zum Streichen einiger dieser Differentialdiagnosen von der Liste, hat also einen wichtigen Zweck erfüllt.

Fazit: Wenn Tiermediziner(innen) häufig röntgen, sonografieren, endoskopieren und Blutuntersuchungen anleiern, dann geht es dabei sicher eher selten darum, Sie als Tierbesitzer “abzuzocken”, sondern vielmehr darum, möglichst zügig und eindeutig rauszufinden, wie Ihrem Tier am besten geholfen werden kann. Wo der Humanmediziner aufgrund der um Welten aussagekräftigeren Vorgeschichten seiner Patienten sozusagen mit dem Präzisiongewehr seine Diagnosen erlegen kann, müssen wir Tierärzte zum gleichen Zweck häufig ganze diagnostische Breitseiten abfeuern.

Ein Tierarzt, der die heute dankenswerterweise vorhandenen technischen Möglichkeiten nicht in diesem Sinne nutzt, ist halt nun mal in der Regel kein Hellseher, kein diagnostisches Genie, sondern ganz schlicht ein Schlamper, der im Zweifelsfall wichtige und für den Patienten oft genug fatale Befunde übersieht. So falsch der Spruch “Viel hilft viel” bei der Dosierung von Medikamenten sein mag, so zutreffend ist er oft bezüglich der tiermedizinischen Diagnostik. Ich habe bei überwiesenen Fällen, bei der Beurteilung langer und komplizierter Vorgeschichten oder als Gutachter nur ganz, ganz selten gedacht: Puh, das wäre aber nicht notwendig gewesen! Normalerweise ist das Gegenteil der Fall und man fragt sich: Meine Güte, warum wurde da nicht geröntgt, nicht sonografiert, nicht zum CT überwiesen, keine Blutuntersuchung durchgeführt?

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert